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Sehen Sie in das Gesicht Gottes

Nicht wissend – aber fühlend….


 

Eine der obersten Regeln im Stammesleben lautet, dass die Menschen von ihrer Umwelt abhängig sind. Als die Städte und Staaten geschaffen wurden, half uns die von Menschen gestaltete Umwelt der Häuser und Straßen, unsere heilige Verbindung mit der Erde und allen lebenden Geschöpfen zu vergessen. Wir hatten die Vorstellung, unser Lebensunterhalt komme aus der künstlichen Umgebung der Stadt, und so verlagerten wir unsere Gottesdienste aus der Kathedrale der Natur in Gebäude, die von Menschenhand errichtet worden waren. Schließlich wurde unser Mangel an spiritueller Verbindung zur Natur so eklatant, dass die jüngeren Kulturen zu der Ansicht gelangten, die natürliche Welt sei böse oder »heidnisch«. Jahrhundertelang wurden Menschen, die das Göttliche draußen in der Natur verehrten, von Juden, Christen, Moslems, Hindus und anderen Vertretern jüngerer Kulturen und ihrer Religionen erbarmungslos gejagt und getötet.

Die Folgen der Umweltzerstörung veranlassen uns, der so lange vernachlässigten und als Feind unterdrückten Natur ins Gesicht zu sehen.

Es wird Zeit, dass wir anderen Lebensformen das gleiche Lebensrecht auf diesem Planeten zuerkennen.

Sie sind in der Geschichte der Erde unsere älteren Schwestern und Brüder; sie sind unauflöslich mit uns verbunden und unsere Lebensquelle.

„Willst du wissen, wie man Gott in die Augen sieht?«

„Dann schau in die Augen irgendeines anderen Lebewesens.“

„Dort in den Augen einer Katze oder eines Hundes, einer Fliege oder eines Fisches, eines Freundes oder eines Feindes siehst du in die Augen Gottes.“ Wenn du einen Grashalm segnest, dann wird dich das gesamte Gras segnen, wenn du einen Baum segnest, dann werden dich alle Bäume segnen. Aber sie zu segnen bedeutet auch, ihnen zu danken, sie zu respektieren und zu lieben; es reicht nicht, nur zu sagen: „Sei gesegnet“.

Nicht nur die Menschheit hat das angeborene Recht auf ihre einzigartige Existenz, gewährt von dem Naturgesetz, dass Vielfalt alles Leben stärkt: Dieses Recht gilt genauso für jedes andere Lebewesen auf Erden.

Wenn Holzfäller beispielsweise die > Bäume als heilige Lebewesen betrachten würden, dann wären umfangreiche Rodungen und die Zerstörung nicht erneuerbarer alter Wälder nicht etwa eine „unangenehme Notwendigkeit“, sondern eine blasphemische Obszönität. Während der ersten 194 000 der 200 000 Jahre währenden Menschheitsgeschichte haben die Menschen die Welt und ihre lebendigen Geschöpfe als heilige Wesen betrachtet, die beseelt waren oder einen Geist hatten. Jemand, der dieser Welt ständig Schaden zufügte, galt als > geisteskrank und wurde aus dem Stamm ausgeschlossen. Die Stammesmitglieder erkannten, dass dieser Mensch die Welt seiner Kindeskinder zerstörte, und so etwas war völlig undenkbar und verrückt.

Die alten Völker hatten verstanden:

Wenn du deine Mutter (Erde) trittst, dann > tritt sie zurück. Sie legt sich nicht auf den Rücken und ergibt sich in ihren Tod. Hält die Welt menschliches Leben für wichtiger als einen Baum oder einen Fuchs? Sind dem Wald Menschen „lieber“ als Rehwild? Gedeiht der Ozean als Folge unserer Gegenwart? Ist der > Planet gesünder geworden, weil wir ihn in den letzten siebentausend Jahren seit dem Aufkommen der Städte und Staaten bewohnt haben?

Nur die Arroganz der auf > Herrschaft basierenden jüngeren Kultur der Städte und Staaten konnte die Idee hervorbringen, dass alles auf diesem Planeten und in der Geschichte dieses Universums sich nur um die eigene Lebenszeit dreht und nicht darüber hinausreicht. Hier begegnet uns aufs neue die Doktrin des „Manifest Destiny“: Weil wir stehlen, töten und erobern konnten, stand irgendein Gott auf unserer Seite und hatte in der Tat schon vorher beschlossen, dass es so sein sollte.

Wir müssen uns stattdessen wieder mit der Vorstellung unserer fernen Vorfahren vertraut machen, dass alles Leben heilig ist.

Sie können über diese Vorstellung mit anderen Menschen sprechen. Erzählen Sie ihnen davon!!!!!

Sagen Sie einem Freund oder einer Freundin, wenn er oder sie in die Augen eines anderen Lebewesens schaue, dann schaue er/sie in die Augen des Schöpfers.

Welch eine erstaunliche – und mächtige – Vorstellung. Die andere Person kann durch diese Erfahrung verändert werden und dann wieder selbst mit anderen Menschen darüber sprechen. Und so beginnen wir, die Welt zu verändern.

Für manche Leute reicht es nicht aus, das Göttliche oder die Möglichkeit der Gegenwart Gottes im täglichen Leben zu sehen: Sie müssen es verstehen. Ich weiß – aus meiner persönlichen Erfahrung –, dass ein intellektuell orientierter Mensch in dem Moment verwandelt ist, wo er versteht, dass das Weltbild der älteren Kulturen wissenschaftlich mehr Gültigkeit besitzt als unseres.

Diese Verwandlung beginnt, wenn wir verstehen, „wie die Dinge funktionieren“. Aus diesem Verständnis heraus wird unsere Vorstellung, dass die gesamte Schöpfung ein Teil von uns ist und wir ein Teil der Schöpfung sind – und dass deshalb alles heilig ist und einen Wert hat –, zur Gewissheit werden.

Auszug aus dem Buch von Thomas Hartmann „Unser ausgebrannter Planet“, Riemann Verlag 1999

 

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Hintergrundbild:

Ilietus – fotolia.com

 

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